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Auf zwei Füßen durch die schottischen Pfade

Schottland - ein Land der Weite, Einsamkeit, gerodeten Waldflächen, Moore, Flüsse, Regen, Wind, Sonne, Midges, Hunde, Trekker, Wanderer, Munros, steilen Wegen, vielen Felsen, wunderbare Aussichten, netten Menschen, Whisky, Destillerien, Schafe, Kühe, Schafe und Kühe und noch viel mehr Schafe... Ein kleines Land mit unerwartbar vielen "Superlativen". 

 

Schottland, unsicher, ob das ein Land für mich ist, hat mich total begeistert. Vielleicht lag es aber auch daran, dass wir unfassbar viel Glück mit dem Wetter hatten. Die ersten beiden Tage war es bewölkt, nachts oder spätabends hat es geregnet, tagsüber war es trocken. Ab dem dritten Tag entschied sich die schottische Sonne ihre Arme weit auszubreiten und uns Wanderer mit warmen und langanhaltenden Sonnenstrahlen zu beglücken. So kamen mein Mann und ich tatsächlich braun gebrannt und mit einem leichten Sonnenbrand aus Schottland zurück. 

Der West Highland Way

Gelaufen sind wir den West Highland Way - kurz - der WHW. Der WHW verläuft von Milngavie - 10km nördlich von Glasgow entlang des Loch Lomonds durch den Glen Coe bis nach Fort William und ist 154km lang. Es beginnt in den Lowlands und endet in den Highlands und zeigt in einer "kurzen" Strecke alle Facetten Schottlands. Für den Einstieg in das Land absolut ideal und wir entschieden uns direkt von der ersten Etappe an los zu laufen und nicht erst nördlich vom Loch Lomond, wie einige das vorschlugen. Wir wollten die Veränderung live mit erleben und die Highlands umso mehr bestaunen. 

 

So landeten wir also frühmorgens um 8 Uhr in Glasgow und fuhren mit dem Bus in die Stadt, um Gas zu kaufen. Anschließend ging es direkt mit dem Zug nach Milngavie, ein kleines beschauliches Örtchen, wo der WHW startet. Die Säule für ein Startfoto haben wir irgendwie übersehen und voller Tatendrang haben wir auch keine wirklichen Bilder vom Start gemacht. Wir brauchten aber Trinkwasser, so dass wir Ausschau hielten und dann waren da öffentliche Toiletten in der Bibliothek. Der Schotte in der Bibliothek unterbrach sein Telefonat als er uns mit unseren Rucksäcken (im Übrigen beide jeweils inkl. Proviant für eine Woche ca. 14kg schwer) sah und führte uns tatsächlich in die private Küche, weil das Wasser in den Toiletten nicht so gut sein soll. Schon hier zeigte sich die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Schotten und ich freute mich umso mehr auf unsere einwöchige Wanderung. 


Wir wanderten gutgelaunt weiter Richtung Drymen - 19km lagen noch vor uns. Das Wetter war typisch schottisch: Bewölkt, ab und zu nieselte es, windig, kalt. Genau darauf hatten wir uns eingestellt und uns entsprechend angezogen. Wir wanderten auf einfachen Wegen zunächst durch den Stadtpark, bis wir plötzlich dort draußen waren und uns in die immer wildere Landschaft Schottlands begaben. Wir sahen viele Felder, Ginster, und so langsam auch immer mehr Schafe und ganz viele Lämmer, denn es war auch Lämmerzeit. Wir sahen auch Flächen mit lauter kleinen Bäumen - Aufforstung nennt sich das. Die Schotten haben damals wegen dem Schiffsbau gnadenlos alles an Bäumen gerotet, weswegen überhaupt die Highlands entstanden sind. Das kann man sich gar nicht vorstellen, dass hier überall mal Bäume standen, dass das tatsächlich Wälder waren! Erst wenn man die Aufforstung sieht, die Bemühungen, lauter Bäume in aufgehäufter Erde, realisiert man, dass das alles von Menschenhand gemacht ist, dass hier die Natur gerodet wurde, dass hier Raubbau betrieben wurde. Und genau das, was eigentlich schlimm ist, fasziniert uns, zieht uns nach Schottland - in die Highlands. Paradox. Irgendwie. Und doch auch wieder nicht. Wir bekommen Hunger und machen unsere erste Rast. Wir bauen unsere Kochausrüstung von Trangia auf, dick eingepackt mit Mütze und Buff und Regenjacke, denn es ist kalt. Und mit unserer Reistüte, schnell gekocht innerhalb von zwei Minuten, können wir uns satt essen. Schnell geht es weiter, wir wollen schließlich noch am Campingplatz ankommen und unser Zelt aufbauen. 

Nachdem wir die Destillerie Glengoyne passiert hatten, welche wir natürlich nicht links liegen lassen konnten und uns ein kleines Fläschchen Whisky mit nahmen (wir konnten natürlich keine große Flasche kaufen - 7 Marschtage lagen noch vor uns) ging es weiter - und wir stoppten schon wieder. Pause! Erneut. Diese schöne Sitzecke konnten wir nicht ignorieren und ließen es auf uns wirken. Jetzt ging es aber wirklich weiter und gefühlt dauerte die Strecke noch eeeewig. Bis wir endlich ankamen, waren wir dann doch erschöpft - laufen über Asphalt ist dann doch irgendwie anstrengend. Der Campingplatz Easter Drumquhassle war auch etwas versteckt. Jetzt konnten wir unser neues Zelt in Reallife (statt im Wohnzimmer) aufbauen und testen und es hat gut bestanden. Essen wird gekocht, die Sonnenstrahlen genossen, die Kühe vor unserem Zeltplatz beobachtet. Es war schön! Wir sind angekommen. 

Am nächsten Morgen weckten uns tatsächlich Hühner, die über den Campingplatz liefen. Die Nachbarscamper fanden das nicht so toll - sie hatten schließlich drei Hunde in ihrem winzigen Zelt mit drin. 

 

Nach einem ordentlichen Frühstück ging es nun weiter - Loch Lomond steht auf dem Tagesplan. Nach wenigen Kilometern durch Feld und Wald sah man schon die ersten Ausläufer der Highlands und des Sees Loch Lochmond. Wir haben das Ziel erreicht! Nun wollten wir den Hügel (oder Berg?!) Conic Hill ersteigen und liefen an ganz vielen Schafen und Lämmern vorbei. Hier lernte ich Schottland erst so richtig kennen. Entgegen der Aussagen, dass Schottland keine Berge hat, "nur" Hügel... Die Hügel gehen dafür ganz schön steil hoch und man muss viele Höhenmeter in kurzer Zeit erklimmen. Hinzu kommt noch der unglaubliche Wind! Hätte ich keine Stöcke dabei gehabt - ich verspreche euch, ich wäre davon geflogen! Es war sehr anstrengend, nach dem Aufstieg (und der schönen Aussicht) kam auch schon der Abstieg und kurz darauf der Regen und ein Restaurant. Schnell rein - was futtern, bevor wir die letzten 5km durch Wald und über Sandstrände stemmten und den Campingplatz Cashel Camping kurz vor Rowardennan für die heutige Nacht erreichten. Da zeigte sich auch, dass meine Regenjacke so dicht auch nicht mehr ist, Ärmel und Dekolleté bzw. Brüste (Körperkontakt mit der Jacke) schön durchnässt. Also betete ich, dass die nächsten Tage nicht typisch-schottisch, sondern sonnig - zumindest trocken - werden würden. Wir bauten im Regen unser Zelt auf und legten uns ziemlich schnell schlafen. 



Meine Gebete wurden tatsächlich erhört! Als wir die Augen am nächsten Tag aufschlugen begrüßte uns ein helles Zeltdach. Aus dem Zelt ausgestiegen, kitzelten die Sonnenstrahlen in der Nase und meine Laune war sofort super! Ein Wohnmobil-Platz direkt am See war frei, so dass wir den Picknick-Tisch beschlagnahmten und dort unser Frühstück mit Blick auf den See und blauem Himmel einnahmen! Das ist Zelten - das ist Natur! Dafür nimmt man die Kilometer per Fuß gerne in Kauf! Trotz Regen und bereits etwa 40km hinter uns, fühlte mich total entspannt und angekommen. Schon jetzt weiß ich, dass Trekking mein Geschmack ist! 

Bei bestem Wetter geht es im T-Shirt den WHW am Loch Lomond weiter. Bis morgen werden wir noch den schönen See sehen und entlang der "Küste" laufen. Wir lassen es heute sehr gemütlich angehen und kommen gerade einmal 5 km bis Rowardennan weiter. Das Wetter ist so schön! Und es gibt noch einen Marathonlauf, der genau über unsere Wanderstrecke führt, sodass wir in Rowardennan pausieren und die Zeit verstreichen lassen. Irgendwann war es zu spät zum weiterlaufen, sodass wir in der Jugendherberge nachfragten, ob noch zwei Betten für uns frei wären. Natürlich gab es keine freien Betten mehr, aber wir erfahren, dass sie hinter der Jugendherberge einen Zeltplatz hätten und wir dort campen könnten. Das nahmen wir natürlich direkt an und fanden den schönsten Zeltplatz auf der ganzen Strecke vor. Es fühlte sich an wie mitten in der Wildnis und wir konnten unsere Füße in den kalten See stecken, entspannen, keine Menschen um uns herum. Die paar wenigen anderen Camper befanden sich hinter dem nächsten Hügel, sodass wir sie gar nicht wahrnahmen. Die Sonne schien, der Tag war schön! Abends fuhr dann noch ein Boot über den See mit einem Dudelsack-spielenden Mann, dessen Klänge im Tal wiederhallten - wunderschön! 



Jetzt mussten wir aber am nächsten Morgen wirklich weiter! Wir frühstückten in den Räumlichkeiten der Jugendherberge (dort gibt es eine Küche, wo man kochen darf) und marschierten dann direkt los Richtung Inverarnan. Der Weg war die härteste Fußprobe auf der gesamten Strecke. Es ging wortwörtlich über Stock und Stein, hoch und runter, kein einziger gerader Pfad. Man musste konzentriert bleiben, um nicht zu stolpern oder zu fallen. Es war sehr anstrengend und wir benötigten für gerade einmal 11 km 4 Stunden! Da wir in Inversnaid nicht bleiben wollten, machten wir dort eine erschöpfte und lange Pause, gönnten uns Fish und Chips vom einzigen Restaurant im Ort und rauften unsere Energien zusammen, um weitere bis nach Inverarnan zu laufen. Der erste Teil war auch noch sehr anstrengend, aber dann hatten wir es endlich geschafft, Loch Lomond liegt nun hinter uns und der Weg wurde deutlich angenehmer. Wir hatten wieder richtige Pfade und Wege und keine Stolperfallen mehr, wir konnten also wieder richtig laufen und mussten uns nicht mehr ständig ausbalancieren. Das erschöpft einen über mehrere Stunden hinweg doch ganz schön, macht aber auch sehr stolz! Wir liefen nun durch Wald und Moosflächen und passierten die Hütte Doune Bothy mit einem letzten schönen Blick auf den See. Als wir durch den Wald laufen fällt mir dann auch noch meine Kamera herunter auf den Waldboden und purzelte schön den Waldhang hinab. Gott sei Dank reagierte ich klug und verfolgte entsetzt und mit einem laut murmelnden "Nein, nein, nein, nein, neiiiiin..." mit meinen Augen die Kamera, so dass ich meinem Mann genau sagen konnte, in welches Gebüsch die Kamera gepurzelt ist. Null Schäden, alles gut - Waldboden sei Dank!

 Am Campingplatz Beinglas Farm angekommen fanden wir ganz ganz viele andere Camper auf einer großen Wiese vor - der komplette Kontrast zum letzten Campingplatz. Es herrschte ein munteres Treiben, auf der Terrasse der Kneipe wurde laut gequatscht und es lief Musik. Etwas ernüchternd für mich, aber so ist das nun einmal, wenn man einen bekannten Fernwanderweg läuft! Wir gönnten uns ein kühles Bier und brieten uns Bratkartoffeln, ehe wir uns müde in unser Zelt verkrochen. 

Der letzte Wandertag ist angebrochen. Meine Achillessehnen schmerzten sehr und waren stark angeschwollen. Die anstrengende Strecke gestern schien mir nicht gut getan zu haben, hinzu kommt die ungünstige Vertiefung an der Ferse meines Wanderschuhs. Sie drückte genau in die Knickstelle meiner Achillessehne, so dass diese einer ständigen Reibung ausgesetzt war. Wir liefen also gemächlich den Feldwegen durch die ersten Ausläufer der Highlands, an Kühen vorbei und entlang einiger Bächer und zum Schluss liefen wir ganz lange durch einen Wald den Hügel hinunter. Zum Glück liefen wir in die richtige Richtung, denn es liefen auch Wanderer in die andere Richtung und weil das Gefälle mehrere Kilometer dauerte, die Sonne knallte und es warm war, hatten einige knallrote Gesichter (und kaum Wasser dabei), als sie den Berg hoch liefen. Trotz der Schmerzen hatte ich keine schlechte Laune und genoss die Wanderung und die immer wieder schönen Ausblicke auf die Highlands. 



Ich kam heute gerade so noch in Tyndrum am letzten Campingplatz auf dieser Wanderung an. Meine Sehne knarzte schon und ich hatte richtig Schmerzen. Den Fuß konnte ich nicht mehr richtig aufsetzen, als ich die FlipFlops an hatte, und wir beschlossen das Ganze zu beobachten und ggf. an dieser Stelle die Wanderung abzubrechen. Auch wenn wir gerne die letzten zwei Tage durchgelaufen wären - einen kaputten Fuß mit nach Hause zu nehmen, das wollten wir definitiv nicht. Wir spazierten langsam zu einem empfohlenen Fish&Chips-Restaurant und ließen, trotz der Schmerzen, den schönen Tag ausklingen. Da am nächsten Morgen mein Fuß immer noch dick war, schmerzte und knarzte entschieden wir von Tyndrum mit dem Zug nach Fort William zu fahren und dort die letzten zwei Tage zu verbringen. Auf dem Weg nach Fort William fuhren wir mit dem Zug durch die Highlands und sahen noch so einige Wanderer den WHW entlang laufen. Wehmütig genoss ich den Ausblick - die richtigen Highlands haben wir jetzt nun nicht gesehen. Dafür ist das aber einer der schönsten Zugstrecken, in denen ich bisher mit gefahren bin und das zu sehen entschädigte es ein wenig, dass wir die Wanderung nicht zu Ende bringen konnten. Wir suchten uns eine möglichst günstige Unterkunft im Stadtzentrum, da die beiden möglichen Campingplätze zu weit vom Stadtzentrum entfernt waren und längere Laufstrecken ja nun jetzt nicht so förderlich wären. 

Fort William ist ja jetzt nun nicht wirklich groß. Den ersten Tag verbrachten wir im Zentrum und aßen bei einem einheimischen Lokal Brötchen mit Schweinefleisch. Es schmeckte sehr gut und dort waren wirklich auch nur Einheimische zu finden - keine Touristen. Das ist ja schon ein Zeichen für sich. Wir schlenderten entlang der Einkaufsstraße, am Meer etc. entlang, besuchten ein Museum und ein Café. Wir machten kurzum einen gemütlichen Tag. Am nächsten Tag ging es meinem Fuß schon wieder besser, so dass wir gemütlich bis zur Ben Nevis Destillerie liefen und eine Führung mit machten. Das Wetter war wunderbar, wir liefen noch weiter zum Neptuns Staircaise und entlang des Flusses wieder zurück bis nach Fort William. Hier waren wir auch schon wieder gute 15km unterwegs, aber ohne Gepäck und machten langsam, das war scheinbar okay für meine Füße. 



Am letzten Tag fuhren wir mit dem Zug wieder zurück nach Glasgow und ich musste sehnsüchtig die verpassten Highlands betrachten. Ein wenig traurig war ich ja schon, dass wir die richtigen Highlands nicht sehen konnten, sondern nur die ersten Ausläufer. Auf der anderen Seite hatten wir bis Tyndrum eine wunderschöne Strecke bei bestem Wetter zurück gelegt und konnten gut entschleunigen. Mein Mann und ich können wunderbar nebeneinander schweigen und den Weg jeder für sich genießen - das schätze ich sehr und habe es auch sehr genossen. Einzig die immer wiederkehrenden Bundesstraßen oder Autobahnen entlang des WHWs haben auf der Wanderstrecke gestört - das Rauschen der Autos inmitten der Naturidylle lässt dann doch einen etwas faden Beigeschmack entstehen. Den WHW würde ich jedem Trekking-Anfänger ans Herz legen. Hier hat man alles dabei, was Schottland zu bieten hat und kommt zwischendrin immer wieder an Campingplätzen/Einkaufsläden/Restaurants vorbei und ist nicht komplett alleine auf sich gestellt. :-) Unsere Campingausrüstung war gut - die 14kg fand ich für mich nicht zu schwer, ich hatte keine Rückenschmerzen oder sonstiges. Einzig meine Füße schmerzten und dies führe ich auf die Schuhe zurück. Als ich zwei Monate später in Island mit denselben Schuhen war, hatte ich sie zuvor vom Schuster weiten lassen. Fußprobleme hatte ich dann keine mehr. 

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